Jona 4 - Das Auge im Sturm Drucken
Sonntag, den 25. Juli 2010 um 14:52 Uhr

ThumbnailLiebe Schwestern! Liebe Brüder!
Eine blasse Frau mit deutlich europäischem Akzent betritt in Johannesburg ein Flugzeug. Der Flug geht nach London. Die Frau ist gut gekleidet und offensichtlich recht wohlhabend. Sie schreitet durch den Mittelgang und schaut auf ihr Flugticket. Dann bleibt sie bei einem Sitz stehen, schaut auf den Platz und nochmal auf ihr Flugticket. Sie hat den richtigen Platz gefunden.

Passagierkabine eines FlugzeugesAber sie setzt sich nicht. Auf dem Platz neben dem ihren sitzt ein Afrikaner mit dunkler Hautfarbe. Mit irritiertem Blick fragt sie ihren Sitznachbarn: „Sind sie sicher, dass sie auf dem richtigen Platz sitzen?“ Der Mann lächelt breit und sagt: „Ja, ich bin sicher!“ Die Frau schaut sich um. Sie sucht nach anderen freien Plätzen, aber das Flugzeug ist vollbesetzt.
Sie wendet sich schließlich an eine Stewardess und fragt in hochnäsigem Ton: „Entschuldigung, aber wie sie sehen können, sitze ich neben einer Person, die eine andere Hautfarbe hat als ich!“ „Ja, das sehe ich, und was ist das Problem?!“ „Nun“, antwortet die Frau, „das ist für mich einfach nicht tragbar. Gibt es noch einen anderen freien Platz?“
Die Stewardess schaut die Frau befremdet an und sagt schließlich: „Es tut mir leid, gnädige Frau, aber es ist gegen unsere Vorschriften Passagiere ohne dringenden Grund umzusetzen.“ „Sie verstehen mich nicht“, antwortet die reiche Frau, „diese Sitzverteilung kann ich absolut nicht akzeptieren. Ich habe hier in meiner Geldbörse etwas, das vielleicht überzeugen könnte...“ „So, sie wollen mir also einen Handel anbieten?“ „Ja, genau! Würden sie so gut sein und in der ersten Klasse nachsehen, ob es da noch freie Plätze gibt? Ich kann mich ganz einfach nicht neben diese Person hier setzen!“
Die Stewardess hebt die Schultern und macht sich durch den Gang auf zur ersten Klasse. Ein paar Minuten später kommt sie wieder. Sie wendet sich aber dem Mann mit dem afrikanischen Akzent zu und sagt folgendes: „Verehrter Herr, es tut mir leid, aber ich kann nicht anders. Wir müssen einen Sitzplatzwechsel vornehmen... Wenn sie mir bitte folgen würden, wir haben einen freien Platz für sie in der ersten Klasse.“
Was für eine geniale und treffende Geschichte! Sie passt haargenau zum vierten Kapitel des Jonabuches. Ohne große theologische Erklärung macht sie deutlich, was dieser Prophet Jona sich da leistet. Und wie über die Frau, kann man eigentlich über diesen Propheten nur den Kopf schütteln. Über solch ein Verhalten muss man sich schon sehr wundern.
Ich möchte die Situation des Jona gerne mit folgenden drei Punkten beschreiben: 1. Hin- und hergerissen, 2. Um sich selbst kreisend und 3. Der ruhende Punkt.

1. Hin und her gerissen

Was ist nur mit diesem Propheten los? Er schlittert von einem Extrem ins andere. Er scheint völlig die Orientierung verloren zu haben. Ganz unterschiedliche Impulse zerren an ihm und treiben ihn einmal in die eine Richtung und ein anderes mal in die andere Richtung. In Kap. 1 läuft er von Gott davon. So weit und so schnell wie möglich. In Kap. 2 kehrt zu Gott um und ist voller Dankbarkeit für Gottes Rettung. In Kap. 3 deutet sich dann schon wieder seine Unzufriedenheit an und diese kommt nun in Kap. 4 vollends zum Ausbruch.
V.1: „Das aber verdross Jona sehr und er war zornig.“ Schon im Luthertext wird die Größe des Zorns herausgestellt. Aber im hebräischen Original ist die Tiefe und Größe des Zornes noch deutlicher herausgearbeitet. Buber und Rosenzweig, zwei Experten für hebräische Sprachge, übersetzen sehr nahe am Urtext diesen ersten Vers so: „Das erboste Jona, einer großen Erbosung, es entflammte ihn.“
Ja, es erboste ihn! Und zwar nicht nur ein wenig, sondern mit einer großen Erbosung wurde er erfüllt. Der Zorn entflammte ihn richtig! Da wird es heiß! Dieser Mann brodelt innerlich. Es kocht in ihm und der Ärger treibt ihm die Zornesröte ins Gesicht. Jona ist kurz vor dem Explodieren.
Auch das Wort Erbosung ist sehr gut gewählt, denn da steckt auch im Deutschen das Wort böse drin. Auch im hebräischen klingt bei dieser Vokabel das Böse mit an. Jona ist nicht nett, lieb und friedlich – nein, in seinem Herzen macht sich das Böse breit.
Und was erbost Jona so sehr? Was fordert seinen Zorn so sehr heraus? Die Gnade Gottes! Jona ist böse darüber, dass Gott die Leute von Ninive nicht für ihre Sünden bestraft. Er sagt in V.2: „Ach, Herr, das ist's ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war, weshalb ich auch eilends nach Tarsis fliehen wollte; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen.“
Jetzt steht Jona wieder ganz am Anfang. Er ist zwar zwischenzeitlich zu Gott umgekehrt und war gehorsam. Aber jetzt kommen seine ganzen Vorbehalte wieder an die Oberfläche. Das war es, was er von Anfang an gefürchtet hat: dass Gott gnädig ist, dass er den Leuten von Ninive gerne vergibt, wenn sie umkehren. Und diese Gnade Gottes gegenüber den Heiden und Gottlosen kann Jona nicht ertragen.
Was für ein Schwanken zwischen Flucht vor Gott und Umkehr zu Gott. Jetzt wendet er sich erneut ab, weil er Gottes Verhalten nicht verstehen kann. Und es auch gar nicht verstehen will!
Auch in Kap. 4 wird dieses Hin- und Hergerissensein des Jona deutlich. Zunächst ist er so sauer und zornig, dass er am liebsten sterben möchte. V.3: „So nimm nun, HERR, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben.“ Dann lässt Gott in seiner Gnade eine Staude wachsen, die dem erhitzten Jona Schatten spendet. Man beachte die Ironie und Doppeldeutigkeit von dem was hier geschieht: Jona ist vom Zorn entflammt und erhitzt und Gott schenkt ihm Schatten und Abkühlung. Gott möchte nicht Jona nicht nur äußerlich Kühle schenken, sondern ihn auch seine innere Zornesglut besänftigen. Darüber freut sich Jona: „Und Jona freute sich sehr über die Staude.“ (V.6)
Wenn man diese Aussage wörtlich übersetzt dann lautet sie: „Und es freute sich Jona über die Staude mit großer Freude.“ So wie er sich vorher mit großer Erbosung erbost hatte, so erfreut er sich kurz darauf mit großer Freude. Doch auch diese Freude ist nicht von langer Dauer: Am nächsten Tag geht die Staude ein, die Sonne brennt heiß vom Himmel und ein heißer Ostwind kommt auf. Und Jona? Der fällt wieder ins andere Extrem. V.8b: „Da wünschte er sich den Tod und sprach: Ich möchte lieber tot sein als leben.“
Was für Stimmungsschwankungen! Ein Psychologe heute würde Jona wahrscheinlich als manisch-depressiv bezeichnen. Ein Mensch, der immer wieder zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt schwankt. Ein Mensch, der hin- und hergerissen wird zwischen jubelnder Lebensfreude und verzweifelten Todeswunsch. Ein Chaos der Gefühle!

2. Um sich selbst kreisend

Aber Jona ist nicht nur hin- und hergerissen von seinen Gefühlen, er ist auch völlig fixiert auf sich selbst: auf seine Probleme und Sorgen, auf seine Gedanken, auf seine Sicht der Dinge. Er schwankt nicht nur hin und her, sondern er kreist dabei immer schneller um sich selbst.
Jona gönnt diesen fremden Menschen nicht die Gnade Gottes. Er erkennt die Menschen von Ninive nicht als gleichwertig mit dem Volk Israel an. Gnade Gottes: Ja gerne! Aber nur für mich! Nicht für andere! Geduld, Treue und Vergebung: All das nimmt er gerne in Anspruch – aber nur für sich selbst und sein Volk, nicht für andere!
Da drückt sich eine ähnliche Überheblichkeit aus, wie bei der Frau im Flugzeug: „Mit diesem Menschen, der so anders ist als ich, will ich nichts zu tun haben.“ Gott hat den Menschen von Ninive ihre Schuld vergeben und die Stadt nicht vernichtet. Wahrscheinlich hat sich Jona da ähnlich gefühlt, wie die Frau im Flugzeug, als der Afrikaner in die erste Klasse gebeten wurde. Die Frau war sich völlig sicher: Wenn hier jemand die erste Klasse zusteht, dann mir! Jona war sich völlig sicher: Wenn hier jemand Vergebung zusteht, dann doch dem Volk Gottes und nicht den Assyrern!
Es ist bezeichnend, wie Jona sich nach seiner Gerichtspredigt verhält. Wahrscheinlich hat er gemerkt, dass seine Worte ankommen, dass Menschen umkehren und an den Gott der Bibel glauben. Aber anstatt sich zu freuen und ihnen mehr von Gott zu erzählen, verlässt er die Stadt (V.5). Er geht nach Osten in das bergige Hügelland und lässt sich dort nieder. Von dort aus hat er den besten Überblick über Ninive. Anders als von Westen: hier ist das Land eben und flach. Er baut sich eine kleine Hütte, um Schatten zu haben. Er setzt sich dort hin und wartet.
Er möchte die große Katastrophe aus sicherer Entfernung und doch mit gutem Überblick beobachten. Er möchte als Zuschauer in der ersten Reihe sehen, wie Gott Ninive dem Erdboden gleich macht. Mir kommt er so vor wie jemand, der es sich im Kinositz bequem macht, sich eine große Tüte Popcorn besorgt und sich genüsslich einen Katastrophenfilm anschauen möchte. Ein unbeteiligter Zuschauer, der sich gerne das Elend der anderen anschaut. Nur dass es hier nicht um einen Film handelt, sondern dass alles real ist!
Jona dreht sich in seinen Erwartungen und Gefühlen nur um sich selbst. Anstatt sich mit anderen über Gottes Gnade und Geduld zu freuen, ärgert er sich. Er gönnt es den anderen nicht. Er hat Angst, dass er selbst und sein Volk durch die Verschonung von Ninive Nachteile erfahren. Er verhält sich wie der ältere Bruder im Gleichnis des verlorenen Sohnes: Dieser ist auf seinen Bruder neidisch. Er gönnt ihm die Vergebung und die Zuwendung durch den Vater nicht. Er fühlt sich selbst vernachlässigt. Er sieht nur das Schlechte an seinem Bruder, anstatt sich mit ihm zu freuen.
Ja, man kann eigentlich nur den Kopf schütteln über diesen Propheten. Man kann ihn in seiner Zerrissenheit und Selbstzentriertheit eigentlich nur bedauern. Von einem Mann Gotttes müsste man doch mehr erwarten können! Vor allem nach all dem, was er mit Gott erlebt hat: Er wurde aus der Todesnot gerettet. Er war praktisch schon tot und Gott hat ihn durch den großen Fisch gerettet. Und sein Dankgebet, das kam doch aus vollem Herzen, das war doch ernst gemeint. Und jetzt ist er zornig über Gottes Güte! Ja, er ist im Grunde nicht einverstanden mit Gott selbst, mit seinem Wesen, mit dem Grundbekenntnis Israels: Gott ist gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte.
Gerhard Maier hat in einem Kommentar zu Jona einen sehr klugen und demütigen Satz geschrieben: „Wer Jonas Verhalten unbegreiflich findet, mangelt noch der ausreichenden Selbsterkenntnis.“ (Wuppertaler Studienbibel zu Jona 1,1) Wer das Verhalten dieses Propheten nicht begreifen kann und über Jona mitleidig den Kopf schüttelt, der hat noch nicht genug Selbsterkenntnis! Eine gewagte Aussage – aber eine richtige Aussage. Wer meint, er selbst sei besser als Jona, der hat von sich selbst keine Ahnung. Wer meint, sich selbst über Jona erheben zu können, der kennt seine eigenen dunklen Seiten nicht.
Wir leben alle in einer Welt, in der diese innere Zerrissenheit und Unruhe förmlich mit Händen zu greifen ist. Wir leben in einer Kultur, in der es selbstverständlich ist, dass Menschen um sich selbst kreisen. Jeder von uns kennt dieses Schwanken zwischen Begeisterung für Gott und den Enttäuschungen, wenn wir uns innerlich weit weg von Gott fühlen. Jeder kennt diesen egoistischen Gedanken: Was bringt's mir? Solange Gott, Glaube und Gemeinde mir etwas bringen bin ich gerne dabei. Wenn es mir aber nichts bringt, warum sollte ich dann an diesen Gott glauben und ihm vertrauen?
Jona, das ist nicht nur dieser hin- und hergerissene Prophet von damals. Das ist nicht nur dieser Egoist, der den anderen Gottes Gnade nicht gönnt. Jona – das bin ich, das bist du. Etwas von diesem Jona steckt in jedem von uns.

3. Der ruhende Punkt

Kommen wir zum Schluss. Inmitten von diesem menschlichen Gefühls- und Glaubenschaos gibt es einen ruhenden Punkt. Ähnlich wie bei einem Wirbelsturm: Da wird so manches hin- und hergerissen. Solch ein Sturm dreht sich um sich selbst und hinterlässt dabei nur Zerstörung. Aber es gibt ein Auge des Sturms, einen ruhenden Punkt.
Dieser ruhende Punkt ist Gott selbst. Dieser Gott, der gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte ist. Und zwar nicht nur mit Ninive, sondern auch mit seinem störrischen Propheten Jona. Auf liebevolle Weise will er ihn gewinnen. Er gibt ihn nicht auf, sondern er diskutiert mit ihm. Gott erklärt mit der Staude seine Barmherzigkeit und sein Erbarmen über Ninive.
Dabei zwingt Gott den Jona zu nichts. Das Buch endet mit einer Frage (V.11): „Und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?“ Ein sehr seltsames Ende. Ein offenes Ende. Ein Ende, das die Größe der Gnade Gottes herausstellt: Er ist gnädig und barmherzig gegenüber seinem Volk Israel, gegenüber Ninive, ja sogar gegenüber den Tieren in Ninive. Und er ist auch gnädig und barmherzig gegenüber uneinsichtigen Kindern, die ihren Vater eigentlich besser kennen sollten.
Auch für uns endet dieses Buch als offene Frage. Es provoziert den Leser geradezu, selbst Stellung zu nehmen: Wie sieht es bei dir aus? Willst du aufhören, vor Gott weg zu laufen? Willst du aufhören, dich ständig nur um dich selbst zu drehen? Willst du diesem gnädigen und barmherzigen Gott vertrauen? Willst du sein Güte und Geduld für dich selbst und für andere annehmen und akzeptieren?
Amen

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Foto: flickr.com | airbusky

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