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Liebe Schwestern! Liebe Brüder! Die Fußball-WM ist zu Ende. Wie viele andere auch, habe ich sie aufmerksam und voller Begeisterung verfolgt. Ich habe gestaunt über diese junge deutsche Mannschaft, die plötzlich solch einen attraktiven Fußball spielt. Beeindruckt hat mich auch Joachim Löw. Seine Geradlinigkeit und Sturheit in manchen Bereichen.
Vor der Weltmeisterschaft haben alle wirklichen Fußballexperten und vor allem alle selbsternannten Experten absolut kein Verständnis dafür gehabt, dass Jogi Löw an Miroslav Klose und an Lukas Podolski festhält. Auch ich habe gedacht: Nein, Deutschland ist besser dran, wenn die nicht spielen. Podolski hat eine katastrophale Saison in Köln gespielt. Nur zwei Bundesligatore gelangen ihm. Von der Fachzeitschrift Kicker wurde er zum Absteiger der Saison gewählt. Auf dem zweiten Platz dieser unrühmlichen Auszeichnung landete Miroslav Klose. Er hat in der vergangenen Bundesliga-Saison nur drei Tore geschossen und durfte selten von Beginn an spielen. Er hatte kaum noch Spielpraxis. Aber Joachim Löw hat an die beiden geglaubt, er hat ihnen immer wieder eine neue Chance gegeben. Vor der WM schien es, als ob sie diese Chancen nicht nutzen könnten. Trotzdem stellte sie Löw immer wieder auf. Dann kam das Eröffnungsspiel gegen Australien. Und wer darf spielen? Podolski und Klose! Ganz Deutschland stöhnte auf und dachte sich: Na, wenn das mal gut geht!? Warum nicht Cacau? Der ist in einer viel besseren Form! Und dann? In der 7. Min. legt Thomas Müller den Ball zurück auf den heranstürmenden Podolski. Der zieht mit seinem starken linken Fuß voll ab... und der Ball zappelt im Netz. Ausgerechnet Podolski! Dann die 26. Min. Lahm flankt aus dem Halbfeld und Klose kommt mit dem Kopf vor dem australischen Torwart an den Ball... und der Ball zappelt im Netz. Ausgerechnet Klose! Was für ein Fußballwunder und was für eine Belohnung für den Bundestrainer! Das ist selten in unserer Welt: dass jemand, der immer wieder versagt und trotzdem immer wieder eine Chance bekommt. Was ist nun die Verbindung zur Hauptperson in unserem heutigen Bibeltext? Was haben Podolski und Klose gemeinsam mit dem Propheten Jona? Sie haben alle versagt und sie haben trotzdem eine zweite Chance bekommen. Auch Gott gibt uns nicht so schnell auf, wenn wir mal Fehler machen. Er schickt uns wieder auf den Platz und fordert uns auf: „Mach es besser als das letzte mal.“ Unser Gott ist ein Gott der zweiten Chancen. Er schickt Menschen auf das Spielfeld, die es eigentlich gar nicht verdient haben. Wir wollen uns heute drei Personen bzw. Gruppen anschauen, die versagt haben und die von Gott eine neue Chance bekommen haben. Die erste Person ist Jona, die zweite Gruppe, die eine neue Chance bekommt, sind die Leute von Ninive. Und als drittes werfen wir noch einen Blick auf das Volk Israel.
1. Jona
Im Jonabuch werden wir vom Erzähler förmlich mit der Nase drauf gestoßen, dass Jona von Gott eine zweite Chance bekommt. In Kap. 1 wird sein Versagen überdeutlich herausgestellt. Er weigert sich Gott gehorsam zu sein und macht sich einfach aus dem Staub. Im 2. Kap. wird über seine Rettung berichtet und seine innere Umkehr zu Gott. Und dann kommt im 3. Kap. ein Neueinsatz: „Und es geschah das Wort des Herrn zum zweiten Mal zu Jona: Mach dich auf geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sage!“ (V.1-2) Wir erinnern uns an den Anfang des Jonabuches (Jon.1,1-2): „Es geschah das Wort des Herrn zu Jona, dem Sohn Amittais: Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie.“ Fast dieselben Worte. Und doch liegen Welten dazwischen. „Und es geschah das Wort des Herrn zum zweiten Mal.“ Zum zweiten Mal! Gott gibt den Jona nicht auf. Jona hat beim ersten Mal kläglich versagt. Und doch gibt Gott ihm eine zweite Chance. Er hält an Jona fest! Anstatt einen anderen zu schicken, sendet er noch einmal den Jona. Gott ist nicht nur daran interessiert, dass seine Botschaft in Ninive ausgerichtet wird, sondern er ist auch daran interessiert, dass Jona aus der ganzen Sache etwas lernt, dass er gestärkt daraus hervorgeht. Wie reagiert Jona dieses mal? Er macht es ähnlich wie Klose und Podolski: Er versenkt den Ball im Netz! V.3: „Da machte sich Jona auf und ging hin nach Ninive, wie der Herr gesagt hatte.“ Wir werden später, in Kap. 4 noch sehen, dass er das nicht unbedingt voller Begeisterung gemacht hat – aber er hat es getan, er war Gott gehorsam und er ging nach Ninive. V.4: „Und als Jona anfing, in die Stadt hineinzugehen, und eine Tagesreise weit gekommen war, predigte er und sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.“ Manche Ausleger meinen, dass Jona nur diese wenige Worte gesprochen hat und sich dann wieder aus dem Staub gemacht hat. Aber ich vermute eher, dass dies eine Zusammenfassung der Botschaft des Jona war. Ähnlich wie zu Beginn des Markusevangeliums die Botschaft Jesu in einem Satz zusammengefasst ist (Mk.1,15). Auf jeden Fall schien es keine besonders ermutigende Botschaft gewesen zu sein. Er rief nicht zur Umkehr und zum Glaube auf, sondern er kündigt nur Gericht an. Er erklärt nicht, was sie falsch gemacht haben und wie sie es wieder gut machen können, sondern er sagt nur: „Ihr seid verloren, das Ende ist nahe!“ Ninive hat versagt und wird dafür bestraft werden. 40 Tage noch, dann ist hier alles platt! Doch trotz dieser etwas platten und wenig feinfühligen Predigt geschieht jetzt ein großes Wunder. Für mich ist dieses Wunder noch größer und unglaublicher, als das Überleben des Jonas im Fischbauch. Die Leute kehren um! Sie glauben der Predigt des Jonas und taten Buße. Unglaublich! Wohl auch für Jona selbst. Mit seiner Gerichtsansage ist er der erfolgreichste Erweckungsprediger aller Zeiten geworden. Jona hat seine zweite Chance genutzt. Er ist zu Gott umgekehrt und war gehorsam.
2. Ninive
Auch die Leute von Ninive haben von Gott eine neue Chance bekommen. Und auch sie haben sie genutzt. Ninive war damals eine der größten Städte in der Welt. Im Jonabuch wird sie als drei Tagesreisen groß bezeichnet. Damit ist wahrscheinlich der äußere Umfang gemeint. Drei Tagesreisen waren damals ca. 150 km. Damit ist dann nicht nur die Stadt selbst gemeint, sondern auch die angrenzenden Vororte und die Weiden, die zur Stadt gehörten. Das Zentrum selbst war von einer riesigen Mauer umgeben, die einen Umfang von 12 km hatte. Ninive gehörte zum assyrischen Großreich und war neben der Hauptstadt Assur ein bedeutendes Zentrum. Wichtige Handelswege verliefen hier und auch der König von Assyrien hatte hier eine Residenz. Bekannt war Ninive aber auch für ihre Tempel und die Götter, die dort verehrt wurden. Die Hauptgöttin von Ninive war Ischtar. Sie wurde sowohl als Sonnengöttin verehrt, wie auch als Mondgöttin. In Jona 1,1 hieß es, dass die Bosheit Ninives vor Gott gekommen ist. Wir haben schon gehört, dass Assyrien für seine grausame Kriegsführung bekannt war. Andere Länder und Völker wurden erobert und in das assyrische Großreich eingegliedert. Die eroberten Völker wurden, wie damals üblich, zur Verehrung der assyrischen Götter gezwungen. Menschenverachtende Grausamkeit und die Verehrung anderer Götter waren sicherlich zwei Punkte von vielen, die Gott nicht gefallen haben. Jona sagt dieser großen, mächtige Stadt nun: „Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.“ Da kommt dieser unscheinbare Prophet aus dem kleinen Israel in die Weltstadt Ninive und sagt ihren Untergang voraus. Vom hebr. her könnte man auch übersetzen, dass die Stadt „umgewendet“ wird. D.h. dass alles durcheinander gewirbelt wird: das Unterste nach oben und das Oberste nach unten. Hier wird das gleiche Wort verwendet, wie bei Sodom und Gomorra. Diese wurden auch aufgrund ihrer Bosheit „umgewendet“, dem Erdboden gleich gemacht. Was wäre die nächstliegende Reaktion gewesen? Wie reagieren die Bürger der Weltmacht Assyrien auf solch einen einzelnen religiösen Prediger aus einem fremden und unbedeutenden Land? Man lacht über ihn, man verhöhnt ihn, man schüttelt den Kopf: „Was bildet der sich denn ein?!“ Oder man reagiert verärgert und bringt diesen Verrückten am besten gleich um die Ecke! Aber Ninive kehrt um! Das völlig Unglaubliche geschieht. Ninive wird zum Gegenbild von Sodom und Gomorra. Diese Städte haben Gottes Gerichtsdrohung nicht ernst genommen. Ninive macht es anders (V.5): „Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an.“ In den folgenden Versen wird entfaltet, wie diese Umkehr aussah. Sogar der König erhob sich von seinem Thron, legte seinen Königsmantel ab und legte Trauergewänder an. Die Umkehr umfasste alle Gesellschaftsschichten. Von ganz oben bis ganz unten. Ja sogar die Tiere waren mit einbezogen. Die Menschen fasteten und auch die Tiere bekamen keine Nahrung. Sie legten sich Bußgewänder an. Und sie änderten ihr Leben. Der Traum eines jeden Predigers: dass Menschen so ergriffen sind von Gottes Botschaft, dass sie sich von Herzen Gott zuwenden und ihr Leben ändern. Auch Gott schien beeindruckt von dieser Umkehr. In V.10 lesen wir: „Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie sich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und er tat‘s nicht.“ Damit ist nicht gemeint, dass Gott einen Fehler gemacht hat und dies nun einsieht. Sondern damit ist gemeint, dass durch die Umkehr der Menschen von Ninive nun eine andere Situation eingetreten ist. Ninive hat seine Chance genutzt und Gott vergibt ihnen gerne. Sie sind umgekehrt zum wahren Gott und Gott erkennt diese Umkehr als echt und gültig an. Sie haben nicht versucht, sich selbst zu rechtfertigen, sondern sie haben ihre Schuld eingesehen und sie bereut.
3. Israel
Kommen wir zu einer dritten Gruppe, die von Gott auch immer wieder eine neue Chance bekommen hat: Israel. Auch Israel hat sich im Lauf der Geschichte immer wieder von Gott entfernt. Sie haben angefangen, andere Götter anzubeten und sie haben im sozialen Miteinander versagt. Immer wieder schickt Gott ihnen Propheten, die sie wachrütteln sollen und fordert Israel zur Umkehr auf. Immer wieder lässt er durch die Propheten sagen: Vertraut nicht auf fremde Götzen, sondern allein auf mich. Begegnet euren Nächsten mit Respekt und Liebe! Aber das Tragisches ist, dass Israel nicht gehört hat. Es wollte nicht hören! Und es hat sich sogar in Sicherheit gewiegt, weil es ja Gottes Volk war und Gott sein Volk doch nicht verlässt. Nur ein Beispiel, wie das konkret ausgesehen hat. Der Prophet Jeremia fordert Juda immer wieder zur Umkehr auf. „Kehrt um! Ändert euer Leben! Wenn nicht, dann lässt Gott sein Gericht über euch kommen!“ Und wie reagiert Gottes Volk? Sie nehmen Jeremia nicht ernst. Einmal werden Jeremias Worte dem König vorgelesen. Doch anstatt betroffen zu sein, lässt der König die Schriftrolle mit den Worten Jeremias nach und nach verbrennen. Wir lesen in Jer.36,24: „Und niemand entsetzte sich und zerriss seine Kleider, weder der König noch seine Großen, die doch alle diese Worte gehört hatten“ Wie war das noch einmal beim König von Ninive? Er stand „auf von seinem Thron und legte seinen Purpur ab und hüllte sich in den Sack und setzte sich in Asche.“ (Jona 3,6) Was für ein Gegensatz! Für Gottes Volk, zu dem wir durch Jesus Christus auch dazu gehören, ist dieses Jonabuch eigentlich ein riesiges Ärgernis. Es ist eine Provokation. Denn es hält uns den Spiegel vor: Seht her, die Leute von Ninive sind nach dieser kurzen Predigt des Jona umgekehrt. Sie haben Buße getan. Sie haben ihr Leben geändert! Und ihr?! Ihr gehört zu Gottes Volk, ihr habt immer wieder die Stimme der Propheten und Prediger gehört, aber im Herzen kehrt ihr nicht um zu Gott! Das Jonabuch macht uns auf glasklare und brutale Weise deutlich, dass nicht unsere Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk, zu einer Kirche oder zu einer bestimmten religiösen Tradition zählt. Es zählt alleine, ob wir uns von Herzen Gott zuwenden. Es zählt, ob wir immer wieder ernsthaft Buße tun und zu Gott umkehren. Gottes Volk hat in seiner Geschichte immer wieder die Chance bekommen zu Gott umzukehren. Aber sie haben sie nicht genutzt. Das Nordreich Israel wurde 722 v.Chr. ironischerweise von den Assyrern erobert und zerstört. Das Südreich Juda wurde 587 v. Chr. von den Babyloniern dem Erdboden gleich gemacht. Das Schicksal das Ninive angedroht wurde, hat Gottes Volk selbst getroffen.
Was lernen wir aus diesem Kapitel? Gott gibt uns immer wieder eine neue Chance. Auch wenn wir kläglich versagt haben. Auch wenn wir vor Gott feige weggelaufen sind, so wie Jona. Es gibt auch für uns eine zweite Chance. Wir sehen an Ninive, dass es nicht auf die Vorleistungen ankommt oder auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Wer es wirklich ernst meint mit Gott, der darf jederzeit zu ihm umkehren. Und wir sehen an Israel, wie gefährlich es sein kann, wenn man überheblich wird. Israel dachte: „Wir gehören doch zu Gottes Volk! Wir sind die Guten! Wenn jemand Gottes Strafe zu spüren bekommt, dann doch die anderen und nicht wir.“ Wer immer wieder eine Chance bekommt, der muss diese Chance auch nützen. Wer immer wieder das Angebot bekommt zu Gott umzukehren, der muss es irgendwann auch tun. Amen
___ Fotos: flickr.de | locationscout (Podolski, Klose)
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