Eine Geschichte zu Ochs und Esel
Es gibt eine Geschichte, in der erzählt wird, wie ein Engel Tiere für den Stall aussucht, in dem Jesus zur Welt kommen soll.
Zuerst meldet sich ein Löwe und sagt: Er sei der König der Tiere, und er allein sei würdig den Heiland der Welt zu bewachen. „Ich werde jeden zerreißen, der dem Kind zu nahe kommt!“ „Du bist mir zu brutal“, sagt der Engel.
Darauf kommt der Fuchs geschlichen und meint, er werde für das Jesuskind jeden Morgen ein frisches, leckeres Huhn organisieren. „Du bist mir zu gerissen“, meint da der Engel.
Dann stelzt der Pfau heran und schlägt ein buntes Rad mit seinem Gefieder und meint, er würde damit den öden Stall schmücken. „Du bist mir zu eitel“, sagt der Engel.
So ist es weiter gegangen. Alle wollten sie sich produzieren und haben ihre Künste hervorgehoben. Zuletzt blickt der Engel ratlos um sich und sieht Ochs und Esel auf dem Feld stehen. „Was habt ihr zu bieten?“ fragt der Engel. „Nichts“, sagt der Esel traurig. „Wir sind ganz gewöhnliche Haustiere“. Doch der Ochse ergänzt: „Vielleicht könnten wir mit unseren Schwänzen die Fliegen verscheuchen.“ Da sagt der Engel: „Ihr seid die richtigen!“
Kurzpredigt zu Jesaja 1,3
Liebe Schwestern! Liebe Brüder!
Wir haben vorher eine Geschichte über Ochs und Esel gehört. Die Geschichte ist natürlich erfunden, aber sie drückt eine sehr schöne Wahrheit aus: Um zu Jesus zu kommen brauchen wir keine besonderen Fähigkeiten oder beeindruckende Eigenschaften haben. Wir dürfen einfach so kommen wie wir sind. Wir dürfen uns als ganz gewöhnliche Menschen mit ihren Stärken und Schwächen an die Krippe stellen und uns an diesem Kind freuen.
Ich hab ein wenig nachgeforscht, wie es denn tatsächlich kommt, dass bei der Weihnachtskrippe normalerweise ein Ochs und ein Esel mit dabei stehen. Das Ergebnis scheint zunächst etwas enttäuschend zu sein: Es steht nämlich nirgends in der Bibel, dass da Ochs und Esel bei der Geburt Jesu mit dabei waren.
Lukas erwähnt in seiner Weihnachtsgeschichte nur die Schafe auf dem Feld. Sonst kommen keine Tiere vor. Er schreibt nicht einmal etwas von einem Stall, sondern nur dass die Wiege des Kindes eine Futterkrippe war. Nur aufgrund von dieser Krippe hat man später darauf geschlossen, dass es wahrscheinlich in einem Stall war und dass da auch noch Tiere mit dabei waren. Aber ob das tatsächlich so war und welche Tiere es waren, darüber sagt die Bibel nichts.
Warum ist es für uns heute dann so selbstverständlich, dass Ochs und Esel dazu gehören? Das liegt vor allem an den vielen Künstlern, die seit Jahrhunderten Jesu Geburt in Bildern, Liedern, Geschichten, Krippenfiguren und Weihnachtsanspielen dargestellt haben. Ochs und Esel werden zwar nicht im Neuen Testament erwähnt, sie haben aber wegen einem Vers aus dem Alten Testament ihren festen Platz in der Weihnachtsgeschichte gefunden.
Einer der großen Propheten des Alten Testaments war Jesaja. Gleich zu Beginn des Jesajabuches können wir folgenden Vers lesen: "Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt's nicht, und mein Volk versteht's nicht." (Jes. 1,3) Diesen Vers hat man dann mit der Krippe unseres Herrn Jesus in Verbindung gebracht und einfach Ochs und Esel an der Weihnachtskrippe platziert.
Der Zusammenhang bei Jesaja ist dabei ein etwas anderer: Der Vers stammt aus einer Klagerede Gottes über sein Volk Israel. Jesaja lässt die Israeliten hören, was Gott ihnen zu sagen hat. Und es wird deutlich, dass Gott tief enttäuscht und zornig ist. Sein Volk hat sich von ihm abgewandt. Sie wollen einfach nichts mehr von ihm wissen. Sie schauen sich lieber nach anderen Göttern und Vergnügungen um, und lassen den Gott ihrer Vorfahren links liegen.
Gott klagt nun über diesen Unglauben und das fehlende Vertrauen. Er sagt: Sogar Ochs und Esel sind schlauer als ihr - die kennen nämlich ihren Herrn! Ochs und Esel wissen, wo ihre Futterkrippe steht. Sie wissen wer sich um sie kümmert und wer sie versorgt. Ganz instinktiv bleiben sie bei ihrem Futtertrog und warten darauf, dass sie von ihrem Herrn was zu futtern bekommen.
Und die Menschen?! Die haben das vergessen! Sie haben vergessen wo sie wirklich satt werden und wer sie wirklich versorgt. Ochs und Esel gelten bei uns ja eher als etwas einfältige und naive Tiere. Es sind Tiere, die sich ganz an den Menschen angepasst haben. Sie sind keine Wildtiere mehr, sondern sie sind Haustiere. Sie können gar nicht mehr ohne die Menschen leben. Sie müssen darauf vertrauen, dass der Mensch ihre Futterkrippe füllt und sich um sie kümmert.
Das ist bei Jesaja dann auch der springende Punkt. So wie Ochs und Esel vom Menschen abhängig sind, so ist der Mensch von Gott abhängig. Nur wollen wir das all zu oft gar nicht wahrhaben. Wir denken dass wir völlig frei und unabhängig sind. Wir meinen, wir können ganz gut für uns selbst sorgen und wir wissen selbst am besten, was gut für uns ist.
Aber dabei vergessen wir leicht unsere grundsätzliche Abhängigkeit in unserem Leben. Alles, was wir sind und haben verdanken wir letztendlich Gott. Er ist derjenige der uns versorgt. Und dabei geht es nicht in erster Linie darum, dass wir immer einen vollen Kühlschrank haben, sondern darum, dass er den Hunger unserer Seele stillt.
Wenn wir an der Weihnachtskrippe Ochs und Esel sehen, dann wollen sie uns diese Abhängigkeit von Gott vor Augen führen. Wir merken also: dass Ochs und Esel an der Krippe stehen, macht durchaus Sinn. Die beiden wissen, wo sie wirklich satt werden und wer für sie sorgt.
So dürfen auch wir Menschen zu Gott kommen. Wir brauchen nichts besonderes leisten oder besondere Fähigkeiten vorweisen – gerade wenn wir mit leeren Händen kommen, dann sind wir bei Jesus richtig. Denn dann wissen wir, dass wir von Gott abhängig sind, dass wir ihn brauchen und dass nur er unserem Leben wirklich Sinn und Erfüllung schenken kann.
Amen
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